Die Stars at Sea – Cruise auf der Queen Mary 2 wurde zu einer Triumphfahrt für David Garrett und seine Band. Auch, wenn der Oceanliner wegen des schweren Orkans einen Tag später kam. Vom 30. Oktober bis 3. November 2017 ist David Garrett mit 2.600 Fans in See gestochen. Das Schiff war restlos ausverkauft.

Drei Konzerte gab er im Royal Court Theatre. Drei Stunden lang gab er Autogramme und zweimal war er bei Moderator und Stars at Sea Gründer Uwe Bahn in der Talkshow an Bord zu Gast. Beide haben sich 2002 bei der Night of the Proms – Tournee kennengelernt. David Garrett, damals 22 Jahre alt, war als klassischer Solist zu Gast, Uwe Bahn präsentiert bis heute das große Klassik-Pop – Event. Nun haben sie sich auf der Queen Mary 2 wieder getroffen. DAS INTERVIEW.

Als du an Bord gegangen bist, musstest du auch deine Geige bei der Kontrolle auf’s Band legen…hat es gepiept bei dir?
Ich bin ja doch jemand, der so oft reist und so oft am Security Check am Flughafen ist, von daher weiß ich genau, was bei mir auszuziehen ist (Publikum lacht) …jetzt mach’ sie nicht völlig wuschig hier… zum Beispiel die Schuhe, da ist irgendwo Metall drin verarbeitet. Ich habe sie nicht gemacht, aber ein guter Freund von mir. Die gehen halt nie durch. Auch die Ringe zum Beispiel nicht.

Die Geige ist immer am Mann, die wirst du nie aus der Hand geben. Ist sie ein Teil des Körpers geworden?
So dramatisch ist es jetzt noch nicht, es ist aber schon ein Wegbegleiter auf alle Fälle. Vergleichbar wahrscheinlich mit einer Uhr, die man toll findet, die man sehr gerne trägt. Genau so pass ich auf mein Instrument drauf auf.

Es gibt ja viele, die sich für deine Kabinennummer hier auf dem Schiff interessieren…ich habe bei 180 Kabinen angeklopft, aber du warst da nicht drin… Es ist aber auch ein bisschen verwirrend. Ich hätte ein bisschen Angst, Respekt für denjenigen, der sich alleine hier über das Schiff traut, weil ich mir oft denke, daran bin ich schon zweimal vorbeigelaufen, wollte allerdings irgendwo anders hin. Aber in den ersten 24 Stunden, wahrscheinlich auch durch den Seegang bedingt. Ich habe ja Gott sei Dank immer irgendjemanden, der mir den Weg zeigt.

Peter Maffay, den wir ja auch mit Stars at Sea produzieren, der wollte glaube ich ins Fitnessstudio und stand plötzlich in der Großküche…
Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn man sucht, dann macht man ja gleichzeitig Sport. Nach einer Stunde hat er dann bestimmt auch gesagt: Gut, die Einheit ist vorbei, ich kann wieder zurück. Aber wie komm ich dahin?

Essen ist an Bord immer ganz wichtig. Du bist ja musikalischer Hochleistungssportler, musst du sehr auf deine Ernährung achten und bekommst an Bord das, was du haben möchtest?
Ich hab’ mir schon einiges angeguckt. Hat sich alles etwas verschoben, weil wir ja später aufs Boot gekommen sind. Ich war im Queens Grill oder so. Kann das sein? Das Essen war sehr gut, die Portionen waren eher auf der kleineren Seite, aber ich glaube, das gehört sich wahrscheinlich so.

Es war jetzt gestern ein ganz anstrengender Tag, wir haben bis ein Uhr nachts noch einen Soundcheck gemacht. Aber ich weiß, dass es 24 Stunden Room-Service gibt. Von daher habe ich um 1:30 Uhr noch mal etwas nachbestellen müssen, da war der Magen dann doch wieder auf den Knien.

Ist das Tour-Leben ernährungsmäßig gesund? Habt ihr eigene Köche dabei?
Nee, aber wenn du in den großen Hallen spielst, dann gibt es vor Ort meistens schon ein Catering. Wenn ich etwas Besonderes haben möchte, dann bespreche ich das mit meinem Manager Jörg und wir überlegen uns, worauf wie beide Lust haben und dann wird das an den Küchenchef weitergeleitet. Manchmal hat man Glück und er kann sehr gut kochen und manchmal ist noch Luft nach oben.

Was war deine erste Reaktion als die Anfrage kam, dass wir mit dir auf die Queen Mary 2 wollen?
Die erste Reaktion war: Das hört sich sehr spannend an! Es ist etwas, was ich noch nie gemacht habe. Ich finde ja immer, im Leben muss man Sachen neu ausprobieren. Das ist ganz wichtig.

Ich hatte vielleicht eine kleine Sorge, dass ich mich nicht wohl fühle wegen des Wellengangs, dass ich vielleicht seekrank werde, aber bis jetzt ist alles in Ordnung bei mir. Also nach den Stunden jetzt auf dem Boot, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Das wird nicht mehr eintreten.

Konzertsaal ist die eine Sache, aber geht jemand auf ein Schiff, um mich zu sehen? Ist natürlich blöd, wenn auf so einem riesengroßen Schiff nur 50 Leute da sind. Das wäre mir so verdammt peinlich gewesen!

Aber ich habe schon nachgedacht, ob ich das mache. Konzertsaal ist die eine Sache, aber geht jemand auf ein Schiff, um mich zu sehen? Dann ist man schon so ein bisschen am Nachdenken. Ist natürlich blöd, wenn auf so einem riesengroßen Schiff nur 50 Leute da sind. Das wäre mir so verdammt peinlich gewesen. Ich hätte mich in Grund und Boden geschämt, hätte natürlich trotzdem alles auf der Bühne für die fünfzig gegeben. Ich bin froh, dass es nicht so gelaufen ist, sondern dass das Schiff voll ist.

Das Gefühl auf der Bühne zu schwanken, das kennen ja einige Musiker, du nicht… Es ist mir nicht fremd (lacht), aber ich habe ein paar Tipps bekommen vom Kapitän, der hat mir kurz mal hallo gesagt, bevor wir abgefahren sind. Ich habe mir die Brücke angeguckt, das ist ja wie bei Star Trek…. Ich hab’ ihn gefragt, wie das mit der Standfestigkeit ist, wenn es mal mehr schaukeln sollte. Er hat mir dann gesagt, einfach die Beine etwas mehr auseinander zu stellen. Ich zeig’ das mal eben (David steht auf)… also wie Ronaldo beim Freistoß.

Wären wir vor drei Tagen im Sturm losgefahren, hättest du im Liegen gespielt…Ich hab’ in den Tagen auch die Phantasie gehabt, dass hier hoffentlich alles wirklich festgenagelt ist. Auch das Klavier. Ich meine John, mein Pianist, der hat schon in verschiedenen Situationen noch sehr, sehr gut gespielt. Aber wenn das Klavier natürlich hin und her fährt…das wäre mal eine ganz neue Herausforderung. Aber es ist alles sehr gut verankert.

Wie wichtig ist der Teamspirit, für jemanden der da ganz vorne steht?
Ich fühle mich überhaupt nicht als Front-Person. Im Gegenteil. Franck van der Heijden kenne ich über die Night of the Proms; da kennen wir uns ja auch her. Das war 2002, ist fünfzehn Jahre her.

Die ganze Band, das ist wie Familie, die ich wahnsinnig respektiere, die ich sehr schätze, wo ich auch auf deren Meinungen höre. Mit denen arbeite ich wirklich seit dieser Zeit zusammen. Ich bin der Letzte der sagt: „Mach’ es bitte genau so, wie ich es mir überlegt habe.“ Das sind ganz viele kreative, tolle Musiker. Die Interpretation schwankt auch immer ein bisschen, wie in der Klassik. Das ist meine musikalische Familie. Mit denen bin ich super gerne zusammen. Auf der Bühne, aber auch neben der Bühne.

Ja, da ist damals die Idee entstanden. Das Konzept der Night of the Proms war ja auch Rock/Pop und dann dieses klassische Orchester miteinzubeziehen.

Bei der Night of the Proms 2002 haben wir uns das erste Mal getroffen. Und wir alle spürten bei deinem Auftritt, dass da etwas kommt…
Also gespürt habe ich das nicht, aber ich war überrascht und dachte „Huh, was geht denn hier ab?“. Das war eine Initialzündung bei mir im Kopf. Ich hab’ da ja noch gar kein Crossover gespielt.

Ich habe damals den „Czardas“ von Monti gespielt, den ich ja damals in mein Programm immer gerne eingebaut habe. Beethoven den dritten Satz und den „Dance Macabre“ von Saint-Saens. Das war aber nicht in einer Klassik-Halle, deshalb waren auch ganz andere Menschen da: Pointer Sisters, Foreigner, Simple Minds.

David Garrett bei der Night of the Proms 2002

Das erste Mal war in Antwerpen, ich weiß es noch ganz genau. Da hab’ ich auch Franck zum ersten Mal bei den Proben kennengelernt. Und plötzlich fängt die Produktion an. Die Gläser fangen an zu zittern – wie bei Jurassic Parc. Ich habe einen Herzkasper gekriegt: „Was ist da so laut?“ Ich habe die Geige liegen lassen, mir die Halle angeguckt zum ersten Mal. Da war ich nervös und hab’ gedacht: Da gehst du gleich mit der Geige nach oben und spielst Beethoven. Alle anderen haben ja Pop-Rock gemacht. Und das war ja für 50 Konzerte geplant.

In dem Moment ist mir aufgefallen: Gute Musik ist zeitlos und die Leute haben die Musik genossen. Es war dieselbe Musik in einer anderen Umgebung und anders präsentiert und das hat alles geändert. Das war für mich der Hebel zu sagen: Junge Leute haben gerade Beethoven gehört. Die haben einfach Spaß damit gehabt. Die haben nicht diesen Schalter umgelegt: Ich gehe jetzt in die Philharmonie.

Danach hast du das Crossover konsequent umgesetzt…
Ja, da ist damals die Idee entstanden. Das Konzept der Night of the Proms war ja auch Rock/Pop und dann dieses klassische Orchester miteinzubeziehen. Ich hatte sicher auch meine Bedenken, bin ja auch in der Klassik sehr konservativ aufgewachsen. Sicher hatte ich auch ein Vorurteil: Macht das Feuilleton da mit oder macht es dir das Leben zur Hölle? Die ganz Großen sind auch zerrissen worden, weil sie mal was Neues gemacht haben.

Ist es auch überhaupt deine erste Kreuzfahrt?
Ja, es ist die erste Kreuzfahrt. Also, ich bin zwar ab und zu schon auf einem Boot gewesen – allerdings ohne abzulegen.

Wir haben ja in Hamburg abgelegt. Warst du schon in der Elbphilharmonie und hast den Sound getestet?
Leider noch nicht, aber ich spiele nächstes Jahr im Februar dort ein Tschaikowsky – Konzert mit Christoph Eschenbach. Freue mich sehr drauf, habe von so vielen Menschen wirklich Tolles gehört. Ja, man hofft ja dann, dass die Leute auch vom Berliner Flughafen begeistert sind. Wenn er dann eröffnet ist.

Wie oft spielst du noch reine Klassik oder ist es jetzt komplett Crossover?
Das hält sich die Waage, ich schätze 50/50. Das Fundament, was ich beruflich gelernt habe, das ist mir wahnsinnig wichtig. Ich bin ein Klassiker. Ich liebe allerdings Musik, egal ob es Klassik ist oder was anderes. Wenn ich es schaffe, durch Crossover Interesse auch für die Klassik zu wecken, dann ist das doch eine Sache, die der Kunst und der Musik gut tut.

Wenn ich abends zwei bis zweieinhalb Stunden spiele, muss ich schon mal mit meiner Kraft haushalten durch den Tag.

Die Geige ist an deinem Kopf eingeklemmt, das ist keine natürliche Haltung. Wie anstrengend ist ein Konzert, eine Tournee für dich körperlich?
Grundsätzlich ist das schon anstrengend. Allerdings mache ich das ja jetzt auch schon seit sehr vielen Jahren und weiß auch, wo dann irgendwann mal das Limit ist. Wenn ich abends zwei bis zweieinhalb Stunden spiele, muss ich schon mal mit meiner Kraft haushalten durch den Tag. Jetzt nicht nochmal fünf, sechs Stunden üben. Das wäre für das Konzert nicht gut, weil ich dann irgendwann merke, dass die Hände dicht machen, also zugehen. Wenn ich drei Konzerte hintereinander spiele wie hier an Bord, dann mache ich natürlich tagsüber Entspannungsübungen, habe auch die Physiotherapeutin dabei. Man wird ja nicht jünger.

Die Geige ist ja praktisch auch der Sänger in deiner Band. Kannst du dir vorstellen, dass irgendwann auch Gesangsstars zu dir kommen?
Ich habe ja auch bei der letzten Tour den ein oder anderen eingeladen etwas zu singen. Jetzt nicht die gesamte Show durch. Ich fand zum Beispiel das Konzept von Pavarotti und Friends supertoll. Es war ein Zusammenbringen von weltweit tollen Musikern. Auch so ein bisschen wie die Night of the Proms.

Die Rolling Stones sind über siebzig und müssen immer noch „Satisfaction“ spielen. Gibt es ein klassisches Stück, das du vielleicht seit der Kindheit spielst, und nicht mehr hören kannst?
Nee, allerdings bin ich ja noch nicht 65. Vielleicht passiert das noch. Aber bisher macht es mir Spaß. Ob es Kammermusik ist, ob es Klassik ist oder auch so ein Abend wie heute ist, wo ich mich sehr drauf freue. Ich finde den Saal hier auf der Queen Mary 2 großartig. Ich spiele ja in ganz unterschiedlichen Hallen, ob es die Philharmonie oder die Lanxess-Arena in Köln ist. Für mich ist das hier etwas ganz Besonderes, weil ich ja euch auch alle sehe. Es wird eine schöne Show, das kann ich garantieren, weil ich richtig Bock drauf habe.

Mehr Infos: David Garrett

Auszüge aus dem Gespräch von David Garrett mit Uwe Bahn bei der Talkshow „Stars at Sea backstage“ am 31. Oktober 2017 auf der Queen Mary 2.